Alles was Recht ist - Religionsunterricht erfahren

   
23. Mai 1949. Nach langen Verhandlungen wird das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland feierlich verkündet und tritt übergangsweise in Kraft. Richtig gültig und vollständig angenommen ist es erst seit dem 3. Oktober 1990.

Im Grundgesetz sind die Grundrechte aller Bürger festgehalten. Z.B. steht hier im Artikel 1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Oder im Artikel 3: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Und im Artikel 7 findet sich der entscheidende Satz zum Religionsunterricht: „Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach.“ 

Vor über 60 Jahren gab es Leute, die es so wichtig fanden, dass Kindern in der Schule unsere christliche Kultur vermittelt wird, dass sie es im Grundgesetz verankert haben. Sicherlich war es eine andere Zeit. Die Kirche und der Glaube hatten eine andere Bedeutung im Leben der Menschen als heute. Trotzdem ist der Religionsunterricht ein Grundrecht, noch heute. Er ist gleichberechtigt mit Deutsch, Mathematik, Sport, Musik…

Die Zeit der DDR - das Grundgesetz galt hier natürlich nicht - machte es der Kirche schwer. Die Gemeinden erteilten den Religionsunterricht nicht mehr an der Schule. Lehrkräfte wurden nicht ausgebildet bzw. kirchliche Abschlüsse nicht anerkannt. Der Religionsunterricht in der Gemeinde wurde zur Katechese. Er diente dazu, die Kinder im Glauben zu unterweisen, Kirche im Alltag des Jahreskreises kindgerecht erlebbar zu machen.

Zeitwechsel: Etwa 50 Jahre später, eine kleine Grundschule in Dresden. Viele Schüler mit Migrationshintergrund, viele verhaltensauffällige Schüler, viele Hartz IV – Empfänger, Nazis unter den Eltern, Analphabeten, Desinteresse, eine ganz normale Brennpunktschule eben. Und natürlich gibt es an dieser Schule keinen Religionsunterricht. Es gibt nicht genug Kinder für eine Gruppe.

Das fand ich schade, denn ich kam an die Schule, und Religion war eines meiner Hauptfächer. Drei Jahre später gab es in dieser Grundschule immer noch kein einziges katholisches Kind, aber in jeder Klassenstufe eine Religionsgruppe mit jeweils 8 bis 12 Kindern. Es gab einzelne evangelische Kinder, ein jüdisches Kind, Muslime auch, mehrere orthodoxe, griechische und russische, und viele konfessionslose Kinder, die daran teilnahmen. Ich hatte eine eigene Klasse, in der ich Mathe, Deutsch und Sachunterricht unterrichtet habe. Ich war zur Aufsicht auf dem Hof, unterhielt mich mit den Kindern beim Mittagessen, nahm Anteil an ihrem Alltag, teilte die Freude über ihre Wackelzähne oder die Angst, wenn der Schulzahnarzt kam, pustete bei Wehwehchen und wischte bei einer ausgelaufenen Trinkflasche mit auf, organisierte für die Schulbibliothek alle Baumhausbücher. Ich war selbstverständlich Teil der Schule. Genauso selbstverständlich war der Glaube Teil von mir.

Durch die Offenheit der Schulleiterin war es möglich, mit einer Religionsgruppe zu beginnen. Und zum Glück gab es viele aufgeschlossene Eltern und Kinder, die das Vertrauen hatten, dass die Kinder mit ihren Fragen nach Gott und der Welt bei mir gut aufgehoben waren. Ich habe ihnen die Weihnachtsgeschichte erzählt, die viele noch nie zuvor gehört hatten, von Bischof Nikolaus, der keine Rute dabei hat, sondern als Patron der Kinder auch heute noch auf alle Kinder ein Auge hat. Wir haben auf einem Gebetsteppich gesessen und gen Mekka geschaut. Wir waren in einer Kirche und haben gespürt, wie es Mose ging, als Gott zu ihm sagte: „Leg deine Schuhe ab, denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden.“ Und wir haben Gottes Schöpfung bestaunt. Viele Fragen und Gespräche tauchten auf.

Sicher: ich habe auch Zensuren gegeben, Hausaufgaben erteilt, Klassenarbeiten geschrieben. Und: kein einziges Kind hat sich, soweit ich weiß, damals taufen lassen. Aber kann ich daran den Erfolg des Religionsunterrichtes messen? Ist es nicht wichtiger, was die Geschichten, Lieder, Gespräche, Bilder im Kopf oder im Herzen eines Kindes angeregt haben, als eine Statistik?

Ich habe in diesen Dresdener Jahren erfahren, was der Religionsunterricht bedeuten kann. Und ich habe den Satz im Vorwort des Lehrplans verstanden, in dem es heißt: „Das Fach Katholische Religion ist ökumenisch ausgerichtet und offen für alle Schüler.“ Ich wünsche allen Lehrern, Schulen und vor allem den Kindern, dass sie diese Erfahrung erleben dürfen. Wir haben als Kirche die Verantwortung, über die Kultur und Traditionen aufzuklären und zu informieren. Deshalb müssen wir die Möglichkeit wahrnehmen und Religion in der Schule unterrichten.